Gute Beweglichkeit als Grundlage für eine optimale Schlagtechnik

Eine optimale Schlagtechnik ist abhängig von einer Vielzahl von Faktoren. Physisch grundlegend ist eine sehr gute Beweglichkeit sowie die Fähigkeit, diese Beweglichkeit auch effizient kontrollieren zu können. Dieser Artikel beschäftigt sich mit dem Einfluss der Beweglichkeit auf eine Vielzahl von Schlägen und zeigt auf welche Einschränkungen bei verminderter Mobilität auftreten.

Zunächst gilt es zwei Annahmen festzusetzen. Was versteht man unter einer optimalen Schlagtechnik? Ich verstehe darunter eine Technik, die auf dem angestrebtem Leistungslevel funktionell ist. Funktionell bedeutet in diesem Falle effektiv (=die Möglichkeit Punkte zur erzielen) und effizient (=dies langfristig tun zu können). Für den Trainer ist ebenfalls der Punkt „angestrebtes Leistungslevel“ sehr wichtig - je nach Alter und Spielstärke des Athleten muss er einschätzen können, ob die jeweilige Technik auch langfristig erfolgreich sein kann und nicht ab einem bestimmten Level einfach nicht mehr funktioniert.
 
Die zweite Annahme beschäftigt sich mit der aktuellen Ausgangsposition. Mit einer fortschreitenden Entwicklung von einer Dienstleistungs- in eine Wissen- und IT-Gesellschaft schreitet auch eine Entwicklung mehr als signifikant rückwärts. Bereits 1993 warnte WALKLEY u.a., dass unsere Kinder nicht mehr genügend Bewegungsmöglichkeiten haben, um fundamentale Bewegungsmuster auszubilden. Damit einhergehend sind nicht nur motorische Einschränkungen (z.B. Rückwärtslaufen), sondern auch Verluste in wichtiger stabilisierender Muskulatur (z.B. Rumpf und Schultergürtel) sowie Beweglichkeitsverluste (z.B. Verlust der Fähigkeit den Rumpf zur Seite zur neigen oder zu drehen, Verlust in die tiefe Kniebeuge (Fersensitz) gehen zu können). Diese Verluste können und werden durch einseitige Belastung (z.B. eingeschränkte Innenrotation im Oberarm bei vielen Überkopfschlägen) und viel Inaktivität (z.B. langes Sitzen mit Rundrücken) noch verstärkt. Mit dieser Ausgangsposition unserer Athleten müssen wir uns beschäftigen.
 
Welchen Einfluss hat nun die Beweglichkeit speziell auf die Schlagtechnik. Herausgreifen möchte ich dafür die Überkopfschläge als ganze Schlagfamilie sowie die für Doppel sehr wichtige Unterhand-Rückhand-Abwehr auf der Vorhandseite. Da ich in diesem Artikel über das Niveau „man muss den Arm heben können, um einen hohen Treffpunkt zu erreichen“ gehen möchte, ist es wichtig, dass der Leser aktiv im Kopf oder gar mit Ausführung versucht, die beschriebenen Vorgänge zu reflektieren, ja zu studieren.
 
Betrachten wir zunächst die Rückhand-Abwehr auf der Vorhandseite und starten mit einem Eigenexperiment. Dazu setze sich der Leser aufrecht und hebe den Oberarm seitlich vom Körper auf Schulterhöhe, wobei Oberarm und Unterarm einen rechten Winkel bilden. Die Hände sollte jetzt nach vorne zeigen. Von dieser Position rotiert man im Schultergelenk nach innen, bis man an seine individuelle Beweglichkeitsgrenze stößt. Die Ellbogen bleiben dabei auf Schulterhöhe, die Schultern bleiben hinten und der Oberarmkopf soll zentriert gehalten werden - die Hände sollten jetzt nach unten zeigen. Was zeigt der Rechts-Links-Vergleich? In der Regel ist die Beweglichkeit im Schlagarm eingeschränkt(er). Welchen Einfluss hat dies jetzt auf die Abwehr? Liegt man davon entfernt, dass beim Eigenexperiment Boden und Unterarm einen rechten Winkel bilden, wird man Probleme haben, einen effizient kraftvollen, flachen Drive mit der Unterarm-Rückhand-Abwehr spielen zu können. Warum? Die 90°-Position entspricht in etwa dem optimalen Startpunkt der Vorwärtsbeschleunigung (im Spiel hinter dem Körper, weil der Oberkörper in der Regel vorgeneigt ist). Wenn diese nicht erreicht wird, fehlt es entweder an Power oder, wenn dies kompensiert wird, an der Möglichkeit über den Ball zu kommen und diesen optimal flach zu spielen. Gelingt es trotzdem, geht der Spieler oft über seine Beweglichkeitsgrenze, die zwar passiv etwas größer als aktiv ist, dennoch haben wir ja hier eine potentielle Einschränkung festgestellt. Ist dies problematisch? Ja - entsprechend einem Auto, bei dem man immer im roten Drehzahlbereich arbeitet - wird es auch hier kurz- bis langfristig zu Problemen wie Verhärtungen und Schmerzen im Bereich der Schulter kommen.
 
Beschäftigen wir uns nun mit den Überkopfschlägen. Optimale Schlagtechnik über Kopf ist die Fähigkeit hohe Beschleunigungen und damit Geschwindigkeit zu erreichen, sowie die Fähigkeit ansatzlose und verzögerte Schläge spielen zu können. Typische Beweglichkeitseinschränkungen von Badmintonspielern sind hier in oberem Sprunggelenk, der Hüfte, der Brustwirbelsäule sowie des Schulter-Oberarm-Gelenks festzustellen (siehe z.B. FRÖHNER (2009)). Um eine optimale Beschleunigung zu erreichen, müssen alle Teilimpulse der Bewegung optimal verkettet sein. Startpunkt für einen Smash ist hier - für Rechtshänder - der Abdruck über das rechte Bein und die damit einhergehende Innenrotation links. Ist hier bereits eine Einschränkung, können die Kräfte vom Abdruck nicht optimal übertragen werden. Die Kraft wird nun über den stabilen Rumpf (Bereich der Lendenwirbelsäule) auf den Oberkörper übertragen. Der zuvor seitlich geneigte und rotierte Oberkörper (Bereich der Brustwirbelsäule) wird kurzzeitig durch das Vorschnellen der rechten Hüfte noch mehr aufgespannt und dann wie ein Gummiband ebenfalls nach vorne zu beschleunigen, selbiges geschieht mit dem Oberarm in zwei Phasen (Aufspannen der Brustmuskulatur und zeitlich später der Latissimus) - sind in diesen beiden Bereichen ebenfalls Einschränkungen, kann der Beschleunigungsweg nicht optimal lang sein und am Ende verlieren wir damit Schlaggeschwindigkeit. Wie GARWIN u.a. (2011) zeigen konnten, ist der entscheidende Unterschied in der Smashgeschwindigkeit zwischen deutschen und asiatischen Top-Spielern der Einsatz von Rumpf und Hüfte.
 
Eine optimale kinetische Kette wie oben beschrieben sorgt aber nicht nur für eine höhere potentielle Schlaggeschwindigkeit sondern auch für geschenkte Ansatzlosigkeit und Verzögerung im folgenden Sinne: Wenn die Beweglichkeit optimal ist, kann der Oberarm ohne aktives Zutun bereits nach oben beschleunigt werden (durch den Ablauf der kinetischen Kette, siehe oben) - der Arm und Schläger geht nun wie bei einen Drop langsam zum Ball. Nun ist es ein leichtes, aus dieser bereits langsamen vorhandenen Geschwindigkeit des Schlagarmes im letzten Moment durch aktive explosive Ober- und Unterarmrotation einen Clear zu spielen. Und schon hat man einen verzögerten Clear gewonnen. Nutzt man die Kette nicht optimal, muss man für einen verzögerten Clear den Oberarm aktiv langsam zum Ball bringen und dieser Bewegung eine zweite hinzufügen, was deutlich schwerer ist. Je beweglicher man im gesamten Schultergürtel inklusive Trizeps, desto größer ist der Rückschwung des Schlägers - auch hier, rein qualitativ aus Beobachtung würde ich sagen, haben z.B. die Japanerinnen, eine längere Schlagschleife bei viel bis mittlerer Zeit, also europäische Spielerinnen. Dies sorgt dafür, dass nicht nur die Endgeschwindigkeit höher sein kann, sondern auch das die Verzögerung durch die längere Bewegung größer ist und die Schläge durch den längeren gleichen Weg, oft höheren Treffpunkt und höherer Schlaggeschwindigkeit im Treffpunkt ansatzloser erscheinen. Schauen wir uns Top-Spieler wie z.B. Lee Chong Wei (Herreneinzel, Malaysia), Mizuki Fujii (Damendoppel, Japan) oder auch Birgit Michels (Mixed, Damendoppel) an, weisen diese eine sehr gute Beweglichkeit auf und verfügen über eine überaus gute Ansatzlosigkeit und Verzögerung in ihren Überkopfschlägen.
 
Komplizierte, aber nahe liegende Zusammenhänge zwischen Beweglichkeit und guter Schlagtechnik als Motivation für ein gutes Beweglichkeitstraining. Wie man dies am besten gestaltet, dazu mehr in einer der nächsten Ausgabe der Trainerecke.

 

Diemo Ruhnow 

Fröhner, G. (2009). Sportmedizinische Ratschläge für die Belastbarkeitssicherung im Nachwuchsleistungssport, Teil 9: Prävention in Spielsportarten – Rückschlagspiele, Leistungssport, 39(5), S.44-49.

Gawin, W., Hoi, J. et. al (2012). Die asiatische Überlegenheit beim Schmetterschlag. Zeitschrift für Angewandte Trainingswissenschaft, 19(1), 67-81.
 
Walkley, J., Holland, B., Treloar, R., & Probyn-Smith, H. (1993). Fundamental motor skill proficiency of children. ACHPER National Journal, 40(3), 11-14
 
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