WISSEN - Von Favoriten und Außenseitern - Teil 2

Lothar Linz präsentiert im zeiten Teil seine Ideen zur Meisterung der spezifischen Herausforderungen des Kampfes "David" gegen "Goliath" und zeigt Lösungsvorschläge auf.

... und wie Sie sie erfolgreich lösen können

 
Die größte Herausforderung für den Außenseiter ist also nicht der Favorit, sondern er selber! Nämlich, an sich und seine Chance zu glauben. Wenn ich das erkannt habe, dann bin ich als Außenseiter schon einen Schritt weiter, denn dann begreife ich, dass ich mich mit mir selber beschäftigen muss, egal ob es gegen Dresden geht oder gegen Grimma. Ich mache mir zwar ein paar taktische Überlegungen zum Gegner und legen mir einen Handlungsplan zu recht, aber der Mittelpunkt meiner Gedanken bin dennoch ich. So gewinne ich Kontrolle über die Situation, und das macht mich sofort stärker.
 
 
Übung: Die Siegprozente
 
Fragen Sie Ihre Mannschaft, wie hoch sie die Chance, den Favoriten zu schlagen, einschätzt. 10 Prozent? 20 Prozent? 30 Prozent? Schreiben Sie die Zahl für alle sichtbar auf. Und jetzt überlegen Sie zusammen, wie Sie es schaffen können, aus z.B. bisher 20 Prozent im Spiel 25 Prozent zu machen. Und was verhilft Ihnen zu 30 %? Sammeln Sie Detail um Detail. Prozentpunkt um Prozentpunkt. Denn eine Quote von 40 % hieße schon, dass Sie 4 von 10 Spielen gewinnen würden! Erzählen Sie das Ihrer Mannschaft. Ihre Spieler werden staunen. Und an Selbstvertrauen gewinnen. Denn das war jetzt ja keine Zauberei, sondern einfach eine strategische Arbeit. Und vergessen Sie nicht, die „neue“ Zahl an Stelle des anfänglichen Wertes für alle sichtbar aufzuschreiben.
 
 
Helfen kann Ihnen dabei, in der Bibel nachzulesen, wie David gegen Goliath gewann. Diese Geschichte ist sehr lehrhaft, ist es für uns doch die Urgeschichte des Siegs eines krassen Außenseiters gegen einen Favoriten. Was die Geschichte sehr deutlich macht, sind folgende Aspekte:
 
Ø David überraschte den Gegner und handelte dabei ohne Zögern und ohne Angst.
Ø David verließ sich ganz auf seine Stärken (à Steinschleuder).
Ø Er vermied es, etwas zu versuchen, was er nicht kann (à Ablehnung der Verwendung von Schwert und Rüstung).
Ø Er traf den scheinbar Übermächtigen an dessen Schwachpunkt (à ungeschützte Stirn. Erinnert das nicht auffällig an den Tod Siegfrieds in der Nibelungensage, der ebenfalls eine verwundbare Stelle hatte, die ihm zum Verhängnis wurde?)
Ø Er zögerte nicht, dem bewusstlosen Goliath den Kopf abzuschlagen, bevor dieser sich wieder erholen konnte.
 
Genau das scheinen mir auch im Volleyball entscheidende Faktoren zu sein, mit denen Sie als Außenseiter erfolgreich sein können. Jeder Favorit hat mindestens einen Schwachpunkt. Und Ihr Team hat sicher ein paar besondere Stärken, die Sie gezielt gegen diese(n) Schwachpunkt(e) einsetzen können. Wichtig ist, dass Sie dabei schnell und entschlossen handeln. Nutzen Sie den Überraschungseffekt und verpassen Sie dem Gegner sofort den finalen „Todesstoss“.
 
Für Letzteres ist es notwendig, dass Sie sich bewusst auf diesen Moment vorbereiten. Damit die Spieler keine Angst vor Ihrer Courage bekommen. Das sie nicht erschrecken und denken: „Huch, wenn wir jetzt noch die nächsten 5 Punkte machen, dann können wir tatsächlich den Favoriten schlagen.“ Und plötzlich werden ihre Spieler ganz aufgeregt und ungeduldig und machen Fehler, die man zuvor die ganze Zeit nicht gesehen hat. Das Dumme im Volleyball ist ja, dass man einen Vorsprung nicht verteidigen kann. Auch bei 2:0-Satzführung ist das Spiel noch offen. Um so mehr gilt es also, weiterzumachen. Nicht an das Ende denken, sondern jeden Ball genauso aggressiv und entschlossen zu bearbeiten wie bisher. Damit der Gegner sich nicht fangen kann, sondern sich immer mehr im Netz der Überraschung und der drohenden Blamage verfängt. Wenn der Gegner seine Souveränität verliert, wenn sich in seinen reihen Angst breit macht, dann ist das Ihre Chance. Denn diese Angst lähmt ihn und raubt ihm seine Fähigkeiten.
 
 
Und was hilft dem Favoriten zum Sieg?
 
Gut, jetzt habe ich mich ausführlich damit beschäftigt, wie der Außenseiter eine Überraschung schaffen kann. Dem Außenseiter gebührt der vortritt, denn er hat es anerkanntermaßen schwerer. Denn trotz aller oben beschriebenen Maßnahmen wird die Überraschung natürlich der seltenere Fall sein. Der Favorit ist ja nicht umsonst in dieser Rolle. Er hat sie sich in der Vergangenheit verdient, durch gute Leistungen, durch Erfolge, durch den besseren Tabellenrang und durch die Stärke seines Kaders. Wichtig ist vor allem, dass man als überlegenes Team dieses Selbstvertrauen in das Spiel mitnimmt. Es macht dabei keinen Sinn, den Gegner künstlich stark zu reden, wie das manche Trainer gerne tun. Zum einen werden die Spieler das kaum glauben, und wenn doch, so erreichen Sie genau das Gegenteil von dem, was Sie haben wollen, denn jetzt wird Ihr Team zu viel Respekt aufbauen und dadurch möglicherweise vorsichtiger als notwendig agieren. Handeln Sie also aus einem Bewusstsein der eigenen Stärke. Denn es gilt: Wenn Sie heute Ihre Leistung bringen, kann der Gegner Sie nicht bezwingen.
 
Aber wie bekommt man die Gefahr mit der Überheblichkeit im Hinterkopf in den Griff? Das ist ein echtes Problem und ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich bis heute keine optimale Lösung dafür gefunden oder bei jemand anderem gesehen habe. Mir imponieren Teams wie Friedrichshafen im Volleyball oder Kiel und Flensburg im Handball, die in der vergangenen Saison dieses Problem erstaunlich gut im Griff hatten. Aber selbst Friedrichshafen wäre beim Start in die Play-Offs fast gestrauchelt.
 
Dennoch kann man natürlich einige Faktoren nennen, die helfen können:
 
Ø Stimmen Sie Ihre Athleten in Einzelgesprächen auf die Bedeutung des Spiels ein. Im Einzelgespräch wird nämlich der kollektive Trend zur Überheblichkeit abgemildert.
Ø Setzen Sie Handlungsziele statt Ergebniszielen. Wenn ein Sieg angeblich „selbstverständlich“ ist, so kann es für das Team ein Anreiz sein, z.B. 20 direkte Punkte mit dem Aufschlag zu erzielen oder den gegnerischen Außenangreifern nur eine bestimmt Anzahl von erfolgreichen Angriffen zu ermöglichen usw.
Ø Fragen Sie das Team, wie viele Punkte es für den Sieg gegen den Außenseiter gutgeschrieben bekommt und wie viele es für einen Sieg gegen ein Top-Team sind. Beides Mal 2 Stück? Aha, das bedeutet also, dass beide Spiele gleich wertvoll sind, oder nicht?
Ø Fordern Sie besonders einen guten Start in das Spiel, um dem Außenseiter gar nicht erst Auftrieb zu geben. Oftmals kann man dem Gegner so schon früh „den Zahn ziehen“. Hätte David in einem längeren Kampf wirklich eine Chance gegen Goliath gehabt?
Ø Lassen Sie sich die Spieler besonders gründlich aufwärmen. Und greifen Sie ein, wenn das Aufwärmen zu wenig Anspannung bei den Spielern offenbart. Unterbrechen Sie das Einspielen ruhig, auch wenn das ungewöhnlich ist, und weisen Sie die Mannschaft darauf hin, was Sie sehen und wohin das führen kann.
Ø Achten Sie auf sich selber. Gehen Sie als Trainer als gutes Beispiel voran, indem Sie dieses Spiel mindestens genauso aktiv und akribisch angehen wie ein Duell mit einem anderen Favoriten.
 
Wenn Sie diese Faktoren umsetzen, dann sind Sie immer noch nicht gegen eine negative Überraschung gefeit, aber Sie kommen dem eigenen Erfolg ein paar große Schritte näher. Und das ist dann schon eine Menge.

 

Über den Autor:

Lothar Linz ist erfolgreich als Sportpsychologe in den verschiedensten Sportarten tätig und konnte bereits viele Athleten auf dem Weg zum Weltmeistertitel oder zur olympischen Medaille unterstützen. Er ist unter www.sportsgeist.de zu erreichen und Autor des Buches "Erfolgeiches Teamcoaching". 

 

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