WISSEN - Moderne Vermittlung der Beinarbeit & „neue“ Elemente der Lauftechnik – Teil 2

Im 1. Teil der Reihe ging es darum zu identifizieren, welche Lauftechnikelemente spezifischer Natur sind. Nun geht es um weitere Details und Ableitungen für unser Badmintontraining.

Am Ende des Tages ist es für den Trainer wichtig, die Vielzahl der auf dem Spielfeld auftretenden taktischen Situationen und die dazu möglichen sinnvollen Lösungen zu kennen („Clinical Eye“). Noch viel wichtiger ist es aber, einen Weg zu finden oder zu kennen, wie diese möglichst implizit gelehrt werden können („Art of Coaching“).

Dazu sollen in dieser sowie in der nächsten Ausgabe einige Lauftechnikdetails beleuchtet werden, wo teilweise noch eingeschränktes oder zu „schwarz-weißes“ Wissen in deutschen Badmintonhallen existiert. Es soll jeweils angerissen werden, wie entsprechend die jeweilige Beinarbeit auf dem Court trainiert wird.

Der implizite Gedanke beim Training der Beinarbeit für den schnellen Start hatte ich in vorhergehenden Artikeln schon einmal vorgestellt. Die Grundidee hier war, alle möglichen Startmuster (z.B. linearen Abdruck mit dem rechten Bein oder lateraler Abdruck mit dem linken Bein) koordinativ einzuführen, damit abrufbar zu machen und diese dann in vortaktischen oder komplett offenen Situationen einzufordern. Gegensätzlich wäre eine Einführung à la „in diese Ecke startet man so – in jene so“. Der schnelle Start ist, wie fast alle vorkommenden Lauftechniken auf dem Feld, eine fundamentale Fähigkeit. Kein Fußballtrainer würde auf die Idee kommen, einem sechsjährigen Kicker zu erzählen, wie er im Zweikampf (oder hier zumeist noch Tumult) am besten zum Ball startet. Es passiert – wenn das Kind koordinativ gut ist (= die koordinativen Grundmuster nicht durch Inaktivität oder Entertainmentkonsole kaputt gemacht worden sind) – automatisch. Entsprechend aufgebaut erfolgt der schnelle Start dann situations- und personenspezifisch (=individuell) effizient und effektiv.

Nach dem Start in eine der Spielfeldecken muss der Badmintonspieler sogenannte Transportschritte durchführen, bevor eine Endaktion wie ein Umsprung, Chinasprung oder Ausfallschritt durchgeführt werden. Transportschritte, die im Badminton relevant sind, sind wie in anderen Spielsportarten auch normale Laufschritte, Kreuzschritte („Hinterkreuzen“), Cross-Over („Kreuzen vorne“), lineare und seitliche Nachstellschritte („Sidesteps“) sowie einseitige Hüpfer (vgl. Hopserlauf). Ähnlich wie bei den Startmustern gilt es nun, diese verschiedenen Transportschritte dem Athleten koordinativ zur Verfügung zu stellen, damit dieser, je nach taktischer Situation, zurückzulegender Wegstrecke und zur Verfügung stehender Zeit, die richtige Art und Anzahl an Transportschritten auswählen kann. Führt man dies richtig ein und kombiniert man es mit dem Ziel im Badminton „frühe Treffpunkte“ (genauer: „frühe & situativ effektiv und effizient aktive Treffpunkte“), erübrigen sich Fragen wie: „Soll man in die Vorhand-Ecke vorne mit Laufschritten, Kreuzschritt oder Nachstellschritt laufen“. Neben dem koordinativ technischen Üben der jeweiligen Techniken muss das Ganze dann in den Spielsportcharakter eingebaut werden. Es sind also reaktive Übungen bestehend aus Kombinationen von Reaktion, Start und Lauf gefordert. Das Stichwort in der Trainingslehre hierzu lautet „Reactiv Agility“. Um technisch seitliche Nachstellschritte oder Sidesteps einzuführen oder zu optimieren, bietet sich die Übung „Sidestep und Richtungswechsel“ (engl. ‚cut’) an. Dazu führt man seitliche Nachstellschritte zwischen den Einzellinien durch und wechselt nach Erreichen der Linie abrupt die Laufrichtung zur anderen Seitenlinie. Beim Richtungswechsel wird dazu der Fuß nicht in Laufrichtung gestellt wie beim Ausfallschritt, sondern bleibt wie bei den Sidesteps 90 Grad zur Bewegungsrichtung. Dies nennt man im Englischen „Cut“. Es ermöglicht einen besseren Abdruck muskulär unterstützt durch die seitliche Gesäßmuskulatur. Wichtig dabei: Das äußere Abstopp- und Abdruckbein muss weit vom Körperschwerpunkt nach außen aufgestellt werden. Klingt kompliziert, ist aber ebenfalls eine fundamentale Bewegung, die bei jedem Menschen „vorprogrammiert“ ist – oder zumindest einmal war. Sind die Bewegungsmuster in der Kindheit nicht genügend geschult worden, muss man dies im späteren Alter nachholen und hier diese Lauftechnik erneut ausbilden.

Dieser „Cut“ kommt auch auf dem Spielfeld vor! Leider oft als „falscher“ Ausfallsschritt identifiziert, wird er bereits in jungen Jahren oft „weggecoacht“. Während im Hinterfeld bei seitlichem Landen oder Landen („Chinasprung“) der Fuß „quer“ oft badminton-natürlich scheint, wird der Fuß quer insbesondere nach flachen offensiven Netzsprüngen oder nach schnellem offensiven, aber balanciertem seitlichen Lauf oder Schritt als falsch empfunden. Schließlich sollte hier ja nach Lehrbuch ein Ausfallschritt ausgeführt werden, damit man a) sicher landet und b) sich schnell abdrücken kann. Oder etwa nicht? Löst man sich einmal vom der spezifischen Ecke merkt man schnell, dass hier biomechanisch kein Unterschied besteht. Aufrechte Haltung, Abdruckpunkt des äußeren Fußes entfernt vom Körperschwerpunkt – Beinwinkel übrigens 45 Grad. OK? Aber sicher! Umknicken nicht möglich, wenn das fundamentale Muster noch vorhanden ist oder die Technik geübt wird. Schneller aus der Ecke bei diesem offensiven Treffpunkt? Sicher! Schließlich kann die stärkere Dreifach-Streckmuskulatur von Wade, Oberschenkel und Gesäß genutzt werden, während man sich beim Ausfallschritt zumeist nur mit er Oberschenkelmuskulatur abdrückt. Wade- und Gesäßmuskulatur haben keinen guten Angriffspunkt und arbeiten zunächst nur stabilisierend.

Wie aber kommt nun der Ausfallschritt ins Spiel? Sollte man jetzt bei Kindern nicht mehr die Fußstellung am Netz korrigieren? Doch sollte man. Der Ausfallschritt ist ein wichtiges Grundmuster, dass gerade bei größeren letzten Schritten und in tiefen defensiven Situationen vonnöten ist. Der Körperschwerpunkt ist in diesen Situationen sehr nahe und oft weit über dem Abdruckpunkt. Hier brauchen wir jetzt den Fuß aufgestellt in Richtung des Oberkörpers – der klassische Ausfallschritt. Und gerade weil Kinder den Cut präferieren, da sie zumeist auf Grund der Körpergröße Bälle am Netz im Stand oder bei ersten Lauf-zum-Netz-Übungen offensiv, sprich weit oben, annehmen. Daher sollte man a) die Treffhöhe (und / oder Netzhöhe) realistisch anpassen, sodass defensive Situationen oder Situationen, wo man mit dem Oberkörper zum oder über den Standfuß geht, trainiert werden und b) den sauberen Ausfallschritt als koordinativen Grundmuster üben.

Hat man als Trainer diese beiden Situationen trennscharf im Blick („Clinical Eye“) kann man, nachdem man diese jeweiligen Techniken eintrainiert hat, komplexere Situationen wie halboffene Übungen durchführen lassen, wo der Spieler die jeweilige richtige Lauftechnik auswählen sollte. Hier gilt es, als Trainer wachsam zu sein und zu schauen, dass die jeweilige Lauftechnik a) entsprechend stabil und b) in richtigen Situationen ausgeführt wird. Erkennt der Trainer Fehler, gilt es, im richtigen Maße methodische Schritte vor und zurück zu machen und dabei sowohl implizite als auch explizite Methoden zu nutzen.

Der nächste Teil der Reihe „Lauftechnik und Beinarbeit“ beschäftigt sich mit der richtigen Landung im Hinterfeld nach dem Umsprung sowie einer kleinen Zusammenfassung und einen Leitfaden zur umfassenden Entwicklung der Beinarbeit im Badminton – in Teil 3.

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