Citius, Altius, Fortius: Lernen im Badminton Teil 1

Nach einem Gespräch über die Dominanz der Länder Asiens im Badminton, empfahl mir mein ehemaliger Mentor, Nick Winkelman, das Buch ‚Dynamics of Skill Acquisition‘ mit den Worten ‚so kann man die Asiaten schlagen‘.

 

Die Asiaten schlagen. Länder, in denen die Wertigkeit der Sportart Badminton - aber auch des Sporttreibens an sich - weitaus höher ist als bei uns, die mit ehemaligen und aktuellen Topspielern und damit Vorbildern, aber auch Trainern für ihren Nachwuchs zahlreich bestückt sind, und deren staatliches oder professionelles Clubsystem darauf ausgelegt ist, kontinuierlich lückenlos neue Badmintongenerationen zu produzieren. Oft wird, gerade wenn man China als Beispiel nimmt, die Größe und damit das zahlenmäßige Talentpotential als ein Schlüsselfaktor genannt. Dieses Argument hinkt etwas. Dänemark mit 5,6 Mio oder Taiwan mit 23,9 Mio Einwohnern zeigen auf, dass (insbesondere die für uns relevanten) Schlüsselfaktoren eher in den erstgenannten Punkten zu suchen sind.

Letztendlich, um es mit den Worten von Adi Preißler zu sagen „entscheidend is auf’m Platz“. Die Frage also, wie eine entsprechende Spielleistung („Weltklasse“) bestmöglich und am besten bis zum physischen Höchstleistungsalter herausgebildet werden kann.

Die reine Trainingsquantität (= wie oft kann gelernt werden) kann keine Ausrede sein, dies nicht in Deutschland erreichen zu können. Zwar wird man nicht wie China 10-jährige Badmintontalente in Provinzzentren zusammenziehen und zu Badmintonprofis in einer 6-Tage Badmintonschulwoche ausbilden können, allerdings haben und hatten wir sowie unsere europäischen Nachbarn auch einige Beispiele, die mit weniger Trainingsquantität Weltspitze erreichten. Nicht zuletzt ist auch hierzulande mit einem System von Nachwuchsstützpunkten ein guter Trainingsumfang möglich.

Faktoren, die in die Trainingsqualität eingehen (= wie gut kann gelernt werden) gibt es unzählige. Beispielsweise verbessert allein das Vorhandsein von vielen Vorbildern im Fernsehen oder am Stützpunkt bzw. im Verein das Techniklernen – die Rolle des Trainers kann hier eine ganz andere sein. Idole aus dem eigenen Land zeigen, was in der Badmintonwelt möglich ist und dieser Glaube versetzt Berge. Ganz automatisch.

   

Wie können wir ohne diese Faktoren erfolgreich gutes Badminton vermitteln? Gutes Badminton, wie es in der Weltspitze benötigt wird. Wie können wir besser lehren? Besser lehren oder coachen, damit wir das Wissen von Technik, Taktik und Co. schneller (lat. citius) vermitteln können, damit dieses ein hohes (lat. altius) Level, eben Weltspitzeniveau hat, und sich entsprechend kraftvoll (lat. fortius) manifestiert und somit in höchsten Stresssituationen verfügbar ist. Wie können wir den langfristigen Leistungsaufbau gestalten, oder einfach gesagt: gutes Badmintontraining aufbauen, in dem wir uns funktionierende Best-Practices aber auch moderne Erkenntnisse in der Trainingswissenschaft zu nutze machen.

Beispiel Sprache: Die einfache, andere Ausdruckweise beim Coaching des Sprintstart „Drück dich explosiv vom Boden ab“ führt im Vergleich zu „Streck explosiv dein Bein“ zu signifikant besseren Sprintzeiten (Winkelman, 2016). What we say matters. Vergleichbares gilt für motorisches Lernen. Die Art, wie der Trainer Sprache einsetzt, kann die Lerngeschwindigkeit und -nachhaltigkeit erhöhen. Langfristig können also mehr Inhalte wie Technik und Taktik in weniger Trainingseinheiten vermittelt werden. Unzählige Experten beschäftigen sich insbesondere seit 2000 mit Dynamischen Systemen, Teaching Games for Understanding, implizitem und differentiellen Lernen, um nur einige Themenfelder rund um motorisches Lernen zu nennen.

Doch hier schlittern wir, wie es Cushion 2013 nennt, in Dilemmata. Gegenüber dem traditionellen „Coach-Centered-Approach“ wie es nicht selten noch gelehrt und gelebt wird, wo der Trainer Fähig- und Fertigkeiten vermittelt und die Trainierten diese verinnerlichen (sollen), sind verschiedene Herangehensweisen, die den Athleten im Zentrum des Lernprozesses („Athlet-Centred-Approach“) sehen, zwar durch Wissenschaft und Praxis in ihrer Stärke belegt, aber dennoch nicht komplett und weitreichend in die Trainingspraxis eingeflossen.

Herangehensweisen wie Differenzielles Lernen, Guided Discovery, Analogie Lernen, Fehlerloses Lernen und Teaching Games for Understanding stellen den Trainer als Coach (urspr. auch begrifflich Begleiter) als Unterstützer des Lernprozesses neben den Athleten, der im Zentrum dieses steht und erfordern neben einem umfangreichen Fachwissen, einen größeren Planungsprozess auch eine Neuorientierung in der Trainingseinheit selber. Der Trainer steht, nachdem er die Trainingsumgebung aufgesetzt hat, mehr beobachtend im Hintergrund, moderiert diesen statt zu instruieren – er muss das Gesamtbild im Blick haben und lernen, in welchem Moment Fragen zu stellen, und wann Antworten zu geben sind (Harvey 2009). Wir wissen aus zahlreichen Untersuchungen, dass implizit Gelerntes (der Athlet hat die Lösung z.B. das Gefühl für einen Schlag oder den taktisch richtigen Schlag unbewusst selbstständig gefunden / erarbeitet) besser bei komplexen und stressigen Anforderungen im Vergleich zum explizit Gelernten (der Trainer lehrt dem Athleten die richtige Lösung) funktioniert. Diese Abwägung muss für den gesamten, langfristen Lernprozess ständig und parallel getroffen werden. Der Trainer plant also diesen detailliert und langfristig, steht aber im Prozess selber etwas zurück.

Gegenüber traditionellem Coaching und vor allen Dingen der Auffassung, wie dieses aussehen sollte, ist dies schon ein Unterschied. Der Trainer hat in der Halle zu stehen, Instruktionen durch die Gegend „zu brüllen“, „den Laden durch seine Anweisungen unter Kontrolle zu halten“ und für jegliche auftretenden Schwierigkeiten und Probleme Lösungen und Feedback nicht nur bereit zu halten, sondern zu liefern. Beobachtende Passivität im Lernprozess, in dem der Athlet im Mittelpunkt steht wird oft von Eltern, aber auch von Athleten als Desinteresse oder Faulenzen wahrgenommen (Cushion 2013). Trainer fühlen dann oft den Druck, Instruktionen in den Lernprozess zu geben, um beim Coachen wahrgenommen zu werden (Cushion 2013). Die traditionelle Kultur des Coachens stellt ein Dilemma dar.

Ein weiteres Dilemma liegt in der Bildung des Trainerwissens an sich. Trainer nutzen oft Herangehensweisen und Methoden, die sie selber als Athlet erfahren oder als Trainer ausprobiert haben und dann als positiv interpretiert haben – unabhängig davon, dass ein Groß an formeller Trainerausbildung existiert. Piggot (2011) kommt in seiner Untersuchung von mehrere Spitzentrainern aus verschiedenen Sportarten in Großbritannien sogar zu dem Schluss, dass der Großteil formeller Trainerausbildung nutzlos sei, um langfristig das Handeln der Trainer zu beeinflussen. Daher muss der Ausbildungsprozess eines Athlete-Centered-Approaches mehr als nur Wissen und Methoden („Tools für das Training“) enthalten, sondern diese müssen umfassend in Theorie und Praxis inklusive kritischer Evaluation in formeller und geplanter informeller Traineraus- und -fortbildung wie Mentoring, Trainergesprächen oder geführtem Austausch unter Trainerkollegen installiert werden. Diese Dilemmata führen dazu, dass oben genannte Herangehensweisen nur langsam umfassend in den Trainingsprozess einfließen.

Um die Trainingsqualität steigern zu können, gilt es, diese Dilemmata zu lösen und aus traditionell-bewährtem Coaching sowie neuen Herangehensweisen neue „Best-Practices“ entstehen zu lassen. Im nächsten Teil von „Citius, Altius, Fortius – Lernen im Badminton“ möchte ich etwas näher auf implizite Methoden wie Analogielernen und Co. eingehen und nach allen theoretischen Überlegungen Praxisbeispiele für das Badmintontraining liefern.

Diemo Ruhnow (MSc Sport Coaching, Dipl. Trainer DOSB) ist als Leitender Bundestrainer Doppel/Mixed für den Deutschen Badminton Verband tätig. Er ist international als Referent im Badminton- und Athletikbereich und als Autor für die Trainerecke der BADMINTON Sport sowie für die Internetseite www.badminton.training tätig.

Quellen:

Cushion, C. (2013) Applying Game Centered Approaches in Coaching: A Critical Analysis of the ‘Dilemmas of Practice’ impacting change. Sports Coaching Review 2(1), S. 61-76

Davids, K. (2008) Dynamics of Skill Acquisition: A Constraints-Led Approach. Human Kinetics, Champaign (USA).

Harvey, S. at al. (2009) Learning a New Method: Teaching Games for Understanding in the Coaches’ Eye. Physical Education and Sport Pedagogy 15(4), S. 361-382.

Piggot, D. (2011) Coaches’ Experiences of Formal Coach Education: A Critical Sociological Investigation. Sport, Education and Society 7(4), S. 535-545.

Winkelman, N. et al. (2016) Coaching Instructions and Cues for Enhancing Sprint Performance. Strength and Conditioning Journal 38 (1), S. 1-11.

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