Citius, Altius, Fortius: Lernen im Badminton Teil 2

Die Asiaten schlagen. Im ersten Teil von „Lernen im Badminton“ gingen wir der Frage nach, wie wir in unseren Hallen die Trainings- oder Lernqualität steigern können, um unsere Sportler noch besser ausbilden zu können. Wie können wir besser lehren oder coachen, damit wir den langfristigen Leistungsaufbau um das Wissen von Technik, Taktik und Co. schneller (lat. citius) vorantreiben können, um ein hohes (lat. altius) Level, eben Weltspitzeniveau , zu erreichen und sich dieses entsprechend kraftvoll (lat. fortius) manifestiert und somit in höchsten Stresssituationen verfügbar ist.

An dieser Stelle möchte die Brücke von der Trainingswissenschaft zur Trainingspraxis schlagen.

Wir wissen, z.B. aus Poolton & Zachry (2007), das implizit Gelerntes stabiler in stressigen (1) und komplexen (2) Situationen ist sowie das Arbeitsgedächtnis (3) weniger belastet. Kurzum für uns auf dem Feld: der Spieler kann sich auch noch in knappen (1) Situationen (z.B. 19:20) technisch besser bewegen und schlagen, ist handlungsfähiger (2), was das taktische Entscheiden angeht und kann die gegnerische(n) Feldposition(en) besser wahrnehmen (3).

Was bedeutet dies genau, implizites Lernen? Unter implizitem Lernen versteht man allgemein das sich unbewusste oder spielerisch aneignen von Fähigkeiten. Lernen ohne das man merkt oder weiß, dass man lernt. Einfache Beispiele sind für mich Kinder, die Sprache oder Laufen lernen. Aber auch Straßenfußball in Brasilien als Klassiker. Man versetze sich einmal in die folgende Situation: ein kleiner Junge, läuft sehnsüchtig nach einem Fußballspiel im Fernsehen zum Fußballplatz, schaut wartend den älteren Spielern zu, macht dann selber mit seinem Ball ein paar Tricks und Skills nach und eventuell sogar sein eigenes Spiel mit Gleichaltrigen auf. Implizites Lernen in seiner Reinform. Motorisches Lernen auf der Überholspur. Lernen durch tun, mit Vorbildern und Idolen, vielen Mitspielern und Gegnern und den Möglichkeiten dies zu tun.

Die Situation ist bei uns nicht so gegeben, zwar wachsende Möglichkeiten, Weltklasse Badminton online zu schauen – was für mich u.a. der Grund ist, warum auch kleinere Nationen mittlerweile technisch gut ausgebildete Jugendspieler herausbringen – allerdings wenige direkte Vorbilder im Verein und wenig direkte Konkurrenz im Umfeld. Hier müssen wir kompensieren, allerdings unter folgender Prämisse: Wie schaffen wir es, dass geplante, aufgesetzte Training möglichst implizit zu gestalten?

Der Klassiker des impliziten Lernens, der auch in vielen Spielsportarten Anwendung findet ist „Teaching Games for Understanding“ (TGfU). Hier spannt der Trainer einen Rahmen indem er bestimmte Spielregeln festlegt und dann findet das unbewusste, spielerische Lernen durch das Spielen der Teilnehmer statt. Der Trainer hat sich im Vorfeld dabei ein Lernziel überlegt und gestaltet den Rahmen dann eingebettet in einen langfristigen Trainingsprozess so, dass eben dieses Lernziel resultiert. Beispielsweise hat er die Möglichkeiten, Feld- und Schlagbegrenzung zu verändern, Bonuspunkte zu geben, die Anzahl der Mitspieler festzulegen, besondere Regeln aufzulegen, den Ball und Schläger oder sonstigen externen Rahmen zu verändern. Konkretes Beispiel: Einzel ohne Vorderfeld kann dazu eingesetzt werden, die Deckung des Hinterfeldes zu verbessern und gleichzeitig neutrale Lösungen zu entwickeln. Extrapunkt für zum Beispiel für eine Cross-Smash oder Sticksmash kann mehrere Dinge, wie die technische Lösung an sich, aber auch das Deckungsverhalten in Angriff und Abwehr entwickeln. Insbesondere für die taktische Flexibilität von unseren Spielern ist es wichtig, dass verschiedene Spiel- und Übungsformen à la TGfU regelmäßig im Training enthalten sind. Dänemark ist aus unsere Sicht im Badminton ein Vorreiter. Nicht zuletzt zeigt sich dies auch in der taktischer Flexibilität ihrer Topspieler. Wichtig dabei: das Ganze ist im Vorfeld ein geplanter Prozess und kein zufälliges Zusammenstellen irgendwelcher „Spielchen“.

Bei den anderen Bausteine, die ich an dieser Stelle vorstellen möchte, geht es darum, wie man in explizit geplanten Trainingsteilen, den impliziten Anteil erhöhen kann um von den derartigen Lernvorteilen zu profitieren.

Im ersten Teil habe ich schon das Thema Sprache angerissen. Externe Hinweise des Trainers sind insbesondere am Anfang einer Lernprozesses den internen „Coaching Cues“ überlegen. „Drück Dich explosiv vom Boden ab“ ist wirkungsvoller als „Strecke explosiv dein Bein“, obwohl das gleiche gemeint ist (Winkelmann, 2016). Die Theorie erklärt den Nachteil dieser internen Hinweise mit Eingreifen in automatische Prozesse, wenn der Trainierende seine Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Körperteil oder Gelenk richtet (Davids, 2008). Dies gilt es aus meiner Sicht insbesondere zu beachten, wenn erwachsene Trainer mit Kindern reden – die Sprache muss eine andere sein. Gerade bei komplexen Bewegungen oder Gelenken, das Handgelenk ist für mich hier ein sensibles Thema, ist dies extrem wichtig. Hier sollten wir eher in Bildern reden und Beispiele finden, mit denen Kinder etwas anfangen können. Statt zu sagen „explosiv den Ellbogen zu strecken“ hilft vielleicht „wie beim Boxen“, frühe Treffpunkte am Netz erreicht man statt mit dem internen Hinweise „den Arm strecken“ besser mit „explosiv wie ein Ritter mit dem Schwert nach vorne schnellen“ und statt „aus den Fußgelenken arbeiten“ helfen Worte wie „federn“, „tänzeln“ oder „schweben“.

   

Sind wir bei Sprache und Bildern sind wir ganz nah beim Analogie lernen. Beste Beispiel was die meisten kennen: Karate Kid. In dem Filmklassiker streicht der junge Daniel Zäune, putzt und poliert Autos und übt so unbewusst vermeintliche Karateabwehrbewegungen ein, die dann automatisch von Meister Mijagi abgerufen werden. Solche Analogien gilt es zu finden, die dann im Lernprozess unterstützen können. Der Badmintonklassiker für eine kurze Umkehrzeit in den Spielfeldecken ist die Analogie „heiße Herdplatte“. Hier helfen dann natürlich andere Sport- und Bewegungserfahrungen ungemein. „Tauche ab wie ein Torwart“ (für die Einzelabwehr), „bewege Dich flüssig wie ein Tänzer“ (für die Transportschritte bei der Beinarbeit) oder „wie ein Baseballpitcher beim Werfen“ (für den Vorhand-Seithand-Drive) sind weitere Beispiele. What we say matters (Winkelmann, 2016) – vor allem wie wir es ausdrücken und ausschmücken können.

Die letzten beiden Konzepte, die ich an dieser Stelle vorstellen möchte sind „Techniktraining mit Differenzen“ und „Fehlerloses Lernen“. Wenn man diese beiden beherrscht, kann man das Techniktraining nicht nur impliziter gestalten, sondern auch sehr große Abkürzungen gehen. Lernen auf der Datenautobahn gewissenermaßen. Die Grundidee beim Techniktraining mit Differenzen: liegt die Zieltechnik zwischen zwei Extrema, kann man sich die Zieltechnik als Mittel durch die Extrema bewusst machen und so eigenständig lernen. Das ganze möchte ich an zwei Beispielen, die ich sehr oft erfolgreich dazu nutzen konnte, deutlich machen. Hat ein Spieler Schwierigkeiten, einen guten steilen Winkel in einen Smash zu bekommen, ist es sehr schwer ihm deutlich zu machen, wo genau der bessere Treffpunkt wäre und welche Winkel in Oberkörper, Schulter und Handgelenk anders einzustellen sind. Stattdessen folgendes probieren: dem Spieler durch „an die Hallendecke schlagen“ oder „einen Clear unter die Hallendecke“ und „vor ihm auf den Boden schmettern“ die Werkzeuge und das Bewegungsgefühl geben, was der machen muss, um steiler nach oben oder unten zu schlagen. Die Extrema zu schlagen fällt relativ einfach, man muss deutlich etwas anders machen. Jetzt besitzt der Spieler sozusagen den Steuerungshebel und kann den perfekten Winkel nun selber einstellen. Gleichen funktioniert auch bei der flachen Abwehr, oft haben Spieler das Problem, dass der Ball zu ansteigend ist. Jetzt können „unter das Netz durchschlagen“ oder „mit Power ins Netz schlagen“ helfen, das Ganze zu justieren. Weniger hilfreich sind Ansagen zur Schlagqualität (Cause-Effect) oder zu bestimmten Gelenken (interne Cues). Wichtig dabei: der Trainer muss ein Auge, ein Clinical Eye, dafür haben, wie die Zieltechnik aussieht und dies entsprechend steuern (Øhlenschlæger, 2017).

Errorless Learning funktioniert ähnlich. Einfaches Beispiel: Golf Put. Man startet aus 5 cm Entfernung und mit jedem erfolgreichen Versuch (also einer erfolgreichen Zieltechnik), vergrößert man den Abstand um weitere 5 cm. Trifft man nicht, geht man wieder in den Bereich zurück, wo man als letztes erfolgreich war, bevor man dann erneut weiter hinten startet mit einer Idee, was man ändern muss (härter/weicher schlagen, mehr links/rechts schlagen). Ein Beispiel im Badminton, was ich gerne nutze haben ich von Stefan Dreseler (ehem. Bundestrainer) übernommen: Für die Cross-Smash-Abwehr im Einzel starte man am Netz mit einem Cross-Drop am Netz, nun wirft man als Trainer immer etwas weiter ins Feld hinein und der Übende geht einen Schritt jeweils zurück. Bricht die Zieltechnik zusammen, geht man wieder ein Stück vor, wo noch eine gute saubere Technik zu erkennen war. So arbeitet man sich mit 3-5 Serien von circa 20 Bällen vor- und zurück bis man in der tiefen seitlichen Smash-Abwehr-Position ist und die Cross-Abwehr gelingt. Technikhinweise sind gar nicht von Nöten, wenn man so vorgeht. Voraussetzung wäre hier, dass der Cross-Drop am Netz bereits gelernt ist.

Mit diesen impliziten Bausteinen lässt sich gezielt die Trainingsqualität im Sinne von Lernqualität verbessern, mit dem Ziel, dass sich das zu Lernende schneller und stärker festigt um ein höheres Badmintonlevel zu erreichen. Citius, Altius, Fortius.

Diemo Ruhnow (MSc Sport Coaching, Dipl. Trainer DOSB) ist als Leitender Bundestrainer Doppel/Mixed für den Deutschen Badminton Verband tätig. Er ist international als Referent im Badminton- und Athletikbereich und als Autor für die Trainerecke der BADMINTON Sport sowie für die Internetseite www.badminton.training tätig.

Quellen:

Davids, K. (2008) Dynamics of Skill Acquisition: A Constraints-Led Approach. Human Kinetics, Champaign (USA).

Poolton, J. & Zachry, T. (2007) So You Want To Learn Implicity? Coaching and Learning Through Implicit Motor Learning Techniques. International Journal of Sport Science & Coaching2 (1).

Øhlenschlæger, J. & Ruhnow, D. (2017). Clinical Eye – Badmintonschlagtechnik im Detail. Diemo Ruhnow Badminton Training, Saarbrücken.

Winkelman, N. et al. (2016) Coaching Instructions and Cues for Enhancing Sprint Performance. Strength and Conditioning Journal 38 (1).

 

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