Citius, Altius, Fortius: Lernen im Badminton Teil 3

Im letzten Jahr – vor der Pandemie – hatte ich eine Serie gestartet, deren Fragestellung nun relevanter denn je ist. Wie schaffen wir es, Trainings- und damit Lehrinhalte schneller und besser zu vermitteln und gerade die im Kinder- und Jugendtraining ausgefallenden aber trotzdem umfangreichen Inhalte in der oft wenig vorhandenen Hallenzeit zu vermitteln und nachzuholen.
 

Hier können wir uns fragen, welche Abkürzungen wir gehen können – ohne aber ein Qualität beim Output zu verlieren.

Während wie uns in Teil 1 & 2 (vgl. BADMINTON Sport 4/5-2020) mit der konkreten Fragestellung beschäftigen, wie wir lehren oder coachen können, damit Technik und Taktik ein hohes (lat. altius) Leistungslevel mit Potential für Weltspitze erreicht und dies gleichzeitig kraftvoll (lat. fortius) manifestiert und somit in höchsten Stresssituationen verfügbar ist, möchte in Teil 3 & 4 nun noch einmal mehr Fokus darauf richten, welche Kniffe man anwenden kann, damit wir das Wissen von Technik, Taktik und Co. schneller (lat. citius) vermitteln können bzw. der Trainierende schneller lernt.

Natürlich gehören dazu auch die bereits angesprochenen Techniken, die dem Constraints-led Approach sowie dem impliziten Lernen zuzuordnen waren, wie z.B. dem interessanten Feld der Teaching Games for Understanding, dem differentiellen Lernen oder dem Analogy- sowie dem Errorless Learning.

Die erste Abkürzung, die ich liefern möchte, ist von planerischer Natur. Einerseits ist diese durch jede Menge sportwissenschaftliche Studien belegt und andererseits kann ich durch meine Erfahrung im Jugendbereich dies nur bestätigen. Increase contextual interference (ICI) schimpft sich das Ganze im Englischen.

Im Grund kann man Trainingsinhalte auf verschiedene Art und Weise anordnen. Während wir glaube ich in Deutschland oft im „Block“ arbeiten, sprich einen Inhalt wie z.B. den Cross Drop am Netz zuerst im Stand trainieren, die Technik verbessern mit dem Ziel diese zu meistern bevor wir nach einer gewissen Zeit dann in den nächsten Technikblock gehen, könnte man die verschiedenen Lehrinhalte auch andersartig anordnen. Schematisch wären diese im Blocktraining: AAAAAA BBBBBB CCCCCC als Beispiel, wobei jeweils A (B, C) für einen Trainingsinhalt z.B. eben eine Technik stehen. Weitere Arten wären:

• Blocktraining: AAAAAA BBBBBB CCCCCC

• Serielle Anordnung: AAA BBB CCC AAA BBB CCC (oder natürlich auch ABC ABC ABC ABC ABC ABC)

• Zufällige Anordnung: ABC BBC BBA ABA BAC CCB

Oder eben die Kombinationen, mit ICI bezeichnet:

• AA BB CC ABC ABC AAC BCB.

Hierzu gibt es Untersuchungen mit interessanten Ergebnissen. Zwar ist beim Blocktraining der Fortschritt in einer einzelnen Trainingseinheit höher, aber dieser schwindet und es bleibt im Vergleich zur seriellen oder zufälligen Anordnung weniger hängen. Und gerade letztes wollen wir aber! Weiterhin glauben und fühlen die Trainierenden, dass Blocktraining ihnen besser hilft, um Lerninhalte zu festigen, was im Vergleich zum zufälligen Training aber eben nicht der Fall ist (Simon & Bjork, 2001) – und daher täuscht. Und was so oft der Fall ist: die Kombination der verschiedenen Elemente ist das Wirkungsvollste und dies ist eben die ICI-Methode. Die kann ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen: Statt zu lange an einer Technik zu verharren, besser verschiedene Techniken parallel einführen. So verbessert sich zum einen die spezifische Gesamtkoordination und die Wissenhäppchen, die letztendlich im Gehirn abgespeichert werden müssen, sind quasi einfacher zu verdauen (Porter & Richard, 2010).

Wie kann das Ganze jetzt konkret für Badminton aussehen?

   

Statt zum Beispel zwei Einheiten à 90 Minuten mit jeweils 30 Minuten Cross am Netz, folgend von Malayenschritt und Umsprung ins Hinterfeld und danach Schnittdrops aus dem Hinterfeld durchzuführen, könnte man dies folgendermaßen anordnen:

Einheit 1 (Hauptteil):

• 10 min Laufkoordination mit Doppelhüpfer einseitig rückwärts (z.B. im Warm Up)

• 20 min Cross am Netz mit einem Schritt

• 10 min Malayenschritt und Umsprung ins Hinterfeld

• 20 min Schnittdrops aus dem Hinterfeld

• 15 min Schnittdrops aus dem Hinterfeld mit Laufweg ans Netz und Cross Drop am Netz

Einheit 2 (Hauptteil):

• 10 min Laufkoordination mit Doppelhüpfer einseitig rückwärts (z.B. im Warm Up)

• 20 min Schnittdrops Täuschung (z.B. Innenschnitt spielen, Außenschnitt anzeigen)

• 10 min Laufweg Malay ohne Ball, dann Laufweg ans Netz und Cross Drop am Netz

• 20 min Schnittdrops aus dem Hinterfeld oder Smash auf Zuruf

• 15 min Schnittdrops aus dem Hinterfeld mit Laufweg ans Netz und Cross Drop am Netz

• 15 min Laufweg in Hinterfeld mit Schnittdrop oder Laufweg ans Netz mit Cross.

Natürlich kann man die einzelnen Blocklängen anpassen, so dass immer sichergestellt ist, dass der Übende mitkommt und kleine Fortschritte erzielt – sowie dabei auch vom Trainer motivational unterstütz wird. Abgezielt darauf, dass alles perfekt ist, wird aber nicht. Die Verbesserungen stellen sich dann über die Trainingstage und -wochen ein. Weiterer Vorteil – das Ganze ist kurzweilig, es stellen sich weniger Lernplateau ein und der Übende lernt im großen Prozess, dass es um stetige Fortschritte und nicht um die verzweifelte Suche nach Perfektion geht.

Die zweite Abkürzung, die ich in diesen Teil vorstellen möchte sind für mich die Schlagfamilien und die Zusammenhänge zwischen diesen (vgl. Ruhnow 2019). Die Grundfrage, welche Bewegungselemente von Schlag A helfen mir für Schlag B und C. Jetzt brauchen wir einen Schläger (Vorsicht vor den Deckenlampen) und/oder ein gutes Vorstellungsvermögen.

Beispiel 1: Zur Verbesserung des Unterarmeinsatzes (Pronation) beim Clear, kann man vorher den Stiksmash Links vom Kopf üben bzw. erlernen. Hier ist diese Pronation vergleichsweise überproportional vorhanden und diese kann dann besser angesteuert oder abgerufen werden.

Beispiel 2: Dies mache ich mir oft zum Erlernen der Rückhand-Clears zu Nutze: Lass einmal einen guten Vorhand-Clear mit eben guter Rotation rückwärts ablaufen und schaut was passiert.

Beispiel 3: Für mich sind Rückhand-Clear und die hohe Abwehr im Doppel mit der Rückhand, insbesondere auf der Vorhandseite, verwandt. Eine Familie. Nur eben etwas im Raum gedreht. Ganz entscheidend bei beiden ist die Einleitung der Unterarmrotation durch Abduktion und Innenrotation des Oberarmes.

Diese Zusammenhänge haben den Vorteil, dass wenn Schlag A trainiert wird, sich auch Schlag B verbessert. Dies kann auch Umlernprozesse beschleunigen, wenn man z.B. Schlag A umlernen müsste, aber man zunächst Schlag B verbessert und sich so automatisch Voraussetzungen für Schlag A verbessern. Gerade mit diesem Prinzip hab ich fantastische Erfahrungen gemacht.

Mit diesem Wissen kann man jetzt Trainingsinhalte kombinieren, die sich gegenseitig noch besser ergänzen und zusammen mit der ICI-Methode entsprechend so anordnen, dass unsere Schützlinge die Möglichkeit haben, schneller Techniken und Co. zu lernen.

Im nächsten Teil von „Lernen im Badminton“ gehe ich auf weitere „Lerntricks“ ein und welchen Einfluss die Trainingsumgebung haben kann und wie man im Sinne des „schneller Lernens“ diese optimieren kann.

Viel Spaß beim Ausprobieren!

Diemo Ruhnow (MSc Sport Coaching, Dipl. Trainer DOSB) ist als Leitender Bundestrainer Doppel/Mixed für den Deutschen Badminton Verband tätig. Er ist international als Referent im Badminton- und Athletikbereich und als Autor für die Trainerecke der BADMINTON Sport sowie für die Internetseite www.badminton.training tätig.

Quellen:

Coyle, D. (2012) The Little Book of Talent. Random House Books. USA

Davids, K. (2008) Dynamics of Skill Acquisition: A Constraints-Led Approach. Human Kinetics, Champaign (USA).

Ruhnow, D. (2019) Rückhand-Clear – der Workshop. Diemo Ruhnow Badminton Training, Saarbrücken.

Ruhnow, D. (2021) Absolut Badminton Training: Better Learning. Diemo Ruhnow Badminton Training, Tornesch.

 

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